Der leere Kühlschrank
Mangel zeigt dir, was wirklich wichtig ist. Wenn wenig da ist, wird das Wenige kostbar. Was würdest du vermissen, wenn es morgen weg wäre?
Lass uns einen Moment ankommen. Mach es dir bequem, schließe die Augen oder senke deinen Blick. Atme einmal tief ein. Und langsam wieder aus. Noch einmal. Ein. Aus. Heute möchte ich dir von einem leeren Kühlschrank erzählen. Von einem Moment, in dem weniger plötzlich mehr wurde.
Es ist Sonntagabend, kurz nach acht. Sarah steht vor ihrem Kühlschrank und starrt in die weiße Leere. Ein angebrochener Joghurt, drei Eier, eine welke Möhre. Morgen früh muss sie zur Arbeit, der Supermarkt hat längst geschlossen. Sie seufzt. Wieder mal nicht eingekauft. Wieder mal diese Unordnung im Leben. Doch dann fällt ihr Blick auf die drei Eier. Plötzlich erinnert sie sich an ihre Großmutter. An Sonntagabende in der kleinen Küche, wenn fast nichts mehr da war. "Aus wenig viel machen", pflegte die Großmutter zu sagen, "das ist eine Kunst." Sarah nimmt die Eier in die Hand. Spürt ihr Gewicht, ihre glatte Schale. Wann hat sie das letzte Mal wirklich gespürt, was sie in den Händen hält? Sie schlägt das erste Ei auf. Das Gelb fließt golden in die Schüssel. So perfekt rund, so strahlend. Wie oft hat sie Eier achtlos aufgeschlagen, beim Telefonieren, beim Fernsehen? Aber heute ist anders. Heute ist jedes Ei kostbar. Sie schneidet die welke Möhre. Unter der runzligen Haut verbirgt sich noch festes, orangefarbenes Fleisch. Der süßliche Duft steigt auf. Wie lange ist es her, dass sie beim Kochen gerochen hat, geschmeckt, gefühlt? In der Pfanne brutzelt das Omelett. Sarah steht daneben und wartet. Nicht am Handy, nicht vor dem Fernseher. Sie wartet einfach. Hört das leise Zischen, sieht die Ränder stocken. Als sie das erste Stück probiert, ist es wie eine Offenbarung. So simpel, so vollkommen. Drei Eier, eine Möhre, ein Hauch Salz. Und plötzlich versteht sie ihre Großmutter. Am nächsten Tag steht Sarah wieder vor dem Kühlschrank. Diesmal ist er voll. Joghurts in fünf Sorten, Käse, Wurst, Gemüse in Hülle und Fülle. Aber sie greift nach den Eiern. Nach genau drei Stück.
Lass uns einen Moment bei diesem Bild verweilen. Atme ruhig ein und aus. Denk an deinen eigenen Kühlschrank, deine eigenen Schränke. Wann hast du das letzte Mal wirklich geschätzt, was da ist? Atme ein und stelle dir vor, morgen wäre nur noch das Nötigste da. Was würde fehlen? Was würdest du vermissen? Manchmal braucht es Leere, damit wir sehen, was Fülle bedeutet. Manchmal braucht es Mangel, damit das Vorhandene wieder kostbar wird. Ein weiterer Atemzug. Spüre die Dankbarkeit für das, was ist.
Wenn wenig da ist, wird das Wenige kostbar. Wenn wenig da ist, wird das Wenige kostbar. Das ist der Gedanke, den ich dir mitgeben möchte. In einer Welt des Überflusses vergessen wir oft den Geschmack des Einfachen. Nimm diesen Gedanken mit in deinen Tag. Vielleicht findest du heute etwas ganz Alltägliches, das plötzlich kostbar wird.
Atme noch einmal tief ein. Und aus. Öffne langsam deine Augen. Danke für diese gemeinsamen Minuten. Danke, dass du Calm Sessions genutzt hast.