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Tiefgang

Der ungebetene Besucher

Gefühle kommen und gehen – du musst sie nicht festhalten. Ein Craving fühlt sich an wie ein Eindringling, der bleibt. Aber beobachte es: Es kommt, es bleibt kurz, es geht. Wie ein Besucher, der nur vorbeischaut. Du musst ihm nicht die Tür öffnen.

Der ungebetene Besucher
Mach es dir bequem. Lass deine Schultern sinken. Atme einmal tief ein. Und langsam wieder aus. Noch einmal. Ein. Aus. Heute erzähle ich dir von einem Mann, der lernte, seine Besucher zu verstehen. Es war ein regnerischer Donnerstagabend, als Michael das erste Mal wirklich hinschaute. Er saß in seiner Küche, die Zigarettenschachtel vor sich auf dem Tisch. Drei Wochen war es her, seit er aufgehört hatte. Drei Wochen ohne eine einzige Zigarette. Aber heute war anders. Das Verlangen kam wie ein alter Bekannter, der einfach durch die Tür spaziert. Michael spürte, wie sich alles in ihm zusammenzog. Seine Hände wurden unruhig. Seine Gedanken kreisten. Atme mit mir. Er hatte das Gefühl, als würde dieser Drang für immer bleiben. Als wäre er jetzt Teil seines Lebens, wie ein Mitbewohner, der eingezogen ist und nicht mehr geht. Aber dann erinnerte er sich an die Worte seiner Therapeutin. Sie hatte gesagt: "Beobachte es einfach nur." Also lehnte er sich zurück und schaute. Das Verlangen war da, ja. Es pochte in seiner Brust. Es flüsterte ihm Ausreden zu. Aber während er es beobachtete, geschah etwas Seltsames. Das Verlangen veränderte sich. Es wurde nicht stärker, wie er befürchtet hatte. Es wurde... anders. Wie Wellen am Strand kam es in Schüben. Stark, dann schwächer. Präsent, dann weniger präsent. Michael sah auf die Uhr. Sieben Minuten waren vergangen, seit das Verlangen gekommen war. Und plötzlich war es... leiser geworden. Nicht weg, aber leiser. Er dachte an seinen Nachbarn Herrn Weber, der manchmal abends vorbeikam. Der klingelte, sie tranken einen Kaffee, erzählten vom Tag. Und nach einer Stunde ging Herr Weber wieder. Er blieb nicht über Nacht. Er zog nicht bei ihm ein. Er war ein Besucher. Michael lächelte zum ersten Mal an diesem Abend. Das Verlangen war wie Herr Weber. Ein Besucher, der vorbeischaut. Der manchmal länger bleibt, manchmal kürzer. Aber der immer wieder geht. Spüre jetzt deinen eigenen Atem. Einatmen. Ausatmen. Vielleicht kennst du das auch. Verlangen, das sich anfühlt, als würde es für immer bleiben. Der Drang nach etwas Süßem. Nach einer Zigarette. Nach einem Drink. Nach der Aufmerksamkeit von jemandem. Atme mit dem Verlangen. Was passiert, wenn du es nicht wegdrängst? Was passiert, wenn du es nicht fütterst? Was passiert, wenn du es einfach da sein lässt? Beobachte, wie es kommt. Beobachte, wie es sich verändert. Beobachte, wie es geht. Du musst ihm nicht die Tür öffnen. Du kannst ihm durch das Fenster zuwinken und sagen: "Ich sehe dich." Das Verlangen ist ein Besucher, kein Bewohner. Das Verlangen ist ein Besucher, kein Bewohner. Es kommt, es bleibt kurz, es geht wieder. Du bist nicht dein Verlangen. Du bist derjenige, der es beobachtet. Nimm diesen Gedanken mit in deinen Tag. Atme noch einmal tief ein. Öffne deine Augen. Danke für diese gemeinsamen Minuten. Danke, dass du Calm Sessions genutzt hast.