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Tiefgang

Der ungebetene Besucher

Gefühle kommen und gehen – du musst sie nicht festhalten. Ein Craving fühlt sich an wie ein Eindringling, der bleibt. Aber beobachte es: Es kommt, es bleibt kurz, es geht. Wie ein Besucher, der nur vorbeischaut. Du musst ihm nicht die Tür öffnen.

Der ungebetene Besucher
Finde eine bequeme Position. Lass deine Schultern sinken. Schließe die Augen oder richte deinen Blick weich nach innen. Atme einmal tief ein. Und langsam wieder aus. Noch einmal. Gut. Heute erzähle ich dir von einem ungebetenen Besucher. Und davon, wie wir lernen können, ihn zu verstehen. Ein alter Mann sitzt in seinem Lieblingsstuhl, die Tasse Tee dampft neben ihm. Es ist still im Haus, nur das Ticken der Wanduhr ist zu hören. Plötzlich klopft es an der Tür. Laut, fordernd, ungeduldig. Der alte Mann seufzt. Er kennt diesen Besucher. Das Verlangen steht vor seiner Tür. Manchmal kommt es als Hunger nach Süßem, manchmal als Sehnsucht nach einem Menschen, der längst gegangen ist. Heute ist es die Lust auf eine Zigarette, obwohl er vor Jahren aufgehört hat. Das Klopfen wird lauter. Drängender. Das Verlangen ruft: Lass mich rein. Ich gehöre hier her. Ich bin ein Teil von dir. Der alte Mann bleibt sitzen. Er atmet ruhig weiter. Früher, denkt er, da bin ich jedes Mal zur Tür gerannt. Habe sie weit aufgerissen. Das Verlangen ist hereingestürmt, hat sich breit gemacht, die Möbel verrückt. Hat sich verhalten, als würde ihm das Haus gehören. Aber heute bleibt er einfach sitzen. Er hört das Klopfen. Er spürt, wie sein Herzschlag sich beschleunigt. Wie seine Hände unruhig werden. Das Verlangen ist da, keine Frage. Es steht vor der Tür und macht Lärm. Aber eine Tür, denkt er, ist dazu da, manchmal geschlossen zu bleiben. Minuten vergehen. Das Klopfen wird schwächer. Zögerlicher. Das Verlangen probiert es noch ein paar Mal, dann wird es still. Der alte Mann nimmt einen Schluck Tee. Warm und beruhigend. Er lächelt leise. Ein Besucher, denkt er. Nicht mehr, nicht weniger. Ein Besucher, der vorbeikam und wieder gegangen ist. Die Stille kehrt zurück. Nur das Ticken der Uhr. Und sein ruhiger Atem. Auch in dir klopft manchmal ein solcher Besucher an. Du spürst es vielleicht gerade jetzt, während du hier sitzt. Ein leises Ziehen. Ein Verlangen nach etwas, das nicht da ist. Lass uns zusammen beobachten. Atme ein und bemerke: Was will gerade Einlass? Atme aus und erkenne: Du bist nicht dieses Verlangen. Du bist derjenige, der es beobachtet. Das Verlangen ist ein Wetterphänomen in dir. Es zieht auf wie eine Wolke. Wird stärker, erreicht seinen Höhepunkt. Und löst sich wieder auf. Du musst die Tür nicht öffnen. Du kannst einfach sitzen bleiben. Atmen. Beobachten. Frag dich leise: Wie fühlt es sich an, Gastgeber zu sein, aber nicht jeden Gast hereinzulassen? Atme mit dieser Frage. Ein. Aus. Das Verlangen ist ein Besucher, kein Bewohner. Das Verlangen ist ein Besucher, kein Bewohner. Du entscheidest, wem du die Tür öffnest. Du entscheidest, wer bleiben darf und wer gehen muss. Diese Macht hast du immer. In jedem Moment. Nimm diesen Gedanken mit in deinen Tag. Kehre langsam zu deinem Atem zurück. Spüre deine Füße am Boden. Öffne deine Augen, wenn du bereit bist. Danke für diese gemeinsamen Minuten. Danke, dass du Calm Sessions genutzt hast.