Die Stille unter dem Eis
Unter der Oberfläche ist mehr Leben, als du siehst. Ein zugefrorener See wirkt leblos. Aber darunter schwimmen Fische, wächst Leben. Stille ist nicht Leere.
Nimm eine bequeme Position ein. Lass deine Schultern sinken. Atme einmal tief ein. Und langsam wieder aus. Noch einmal. Ein tiefer Atemzug. Ausatmen und ankommen. Heute nehme ich dich mit an einen stillen Ort. Einen Ort, der mehr verbirgt, als er zeigt.
Es ist Januar. Minus fünfzehn Grad. Ich stehe am Rand eines kleinen Sees. Die Oberfläche ist eine perfekte Spiegelfläche aus Eis. Kein Windhauch bewegt sich. Keine Welle kräuselt das gefrorene Wasser. Totenstille. Der See wirkt verlassen. Leblos. Als wäre hier nie etwas gewesen. Ich knie mich hin und schaue durch das klare Eis. Zuerst sehe ich nur mein eigenes Spiegelbild. Dann lege ich die Hände seitlich an die Augen. Und plötzlich öffnet sich eine andere Welt. Da, zehn Zentimeter unter dem Eis. Ein Schwarm kleiner Fische gleitet vorbei. Langsam, fast schwerelos. Wasserpflanzen wiegen sich in einer unsichtbaren Strömung. Ein Krebs wandert über den sandigen Grund. Das ganze Leben des Sees pulsiert weiter. Still. Verborgen. Aber da. Die Fische haben ihren Herzschlag verlangsamt. Ihren Stoffwechsel gedrosselt. Sie bewegen sich wie in Zeitlupe. Aber sie leben. Sie atmen das Wasser. Sie träumen vielleicht sogar. Ich denke an meinen Nachbarn. Herr Müller. Seit seiner Frau gestorben ist, spricht er kaum noch. Wenn ich ihn treffe, nickt er nur kurz. Die anderen sagen: Der ist ja ganz verstummt. Aber letzte Woche sah ich ihn in seinem Garten. Er saß auf der Bank und beobachtete die Amseln. Eine ganze Stunde lang. Seine Augen folgten jedem Vogel. Und ich dachte: Da ist jemand, der sehr wach ist. Sehr präsent. Nur anders, als wir es erwarten.
Atme mit mir. Einatmen. Ausatmen. Noch einmal. Lass deinen Atem ruhiger werden. So wie das Wasser unter dem Eis. Langsamer. Stiller. Aber lebendig. Denk an einen Moment, in dem du sehr still warst. Vielleicht nach einem intensiven Gespräch. Oder beim Betrachten eines Sonnenuntergangs. Diese Stille war nicht leer. Sie war voller Leben. Voller Wahrnehmung. Was passiert in dir, wenn niemand zuschaut? Atme diese Frage ein. Und lass sie in der Stille wirken.
Stille ist nicht das Gegenteil von Leben. Stille ist Leben in seiner konzentriertesten Form. Stille ist nicht das Gegenteil von Leben. Stille ist Leben in seiner konzentriertesten Form. Unter der stillen Oberfläche pulsiert mehr, als du ahnst. In dir. In anderen. In diesem Moment. Nimm diesen Gedanken mit in deinen Tag. Vertrau der Stille.
Kehre langsam zurück. Spüre deinen Körper. Atme tief ein. Öffne deine Augen. Danke für diese gemeinsamen Minuten. Danke, dass du Calm Sessions genutzt hast.